Wolfgang segelt um die Welt

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Zeit ist Luxus - und davon haben wir jede Menge

Wolfgang Weber segelt seit 6 Jahren mit seiner 12m Yacht „”Galateia”“ um die Welt. Und immer wieder schafft er es, mit seiner Crew bei Erdofenfesten auf Fidji eingeladen zu werden, in karibischen Dorfdiskotheken zu tanzen oder unbekannte Durchfahrten zu entdecken. Doch heute Abend hat er sich Zeit genommen für unseren Anruf aus Deutschland.

Hallo Wolfgang, wo bist Du gerade?

Wir liegen gerade in der Atakoll Marina in Istanbul, alles sehr modern. Vorhin waren wir auf dem Basar in der Altstadt, das ist voller kleiner Gassen, komplett überdacht und mit schummrigem Licht. In unzähligen Läden bieten Händler Gewürze, Gold, Leder und Teppiche an - wie eine Reise ins Mittelalter. Und wir haben ein paar Leckereien mitgebracht...

Segler essen ja bekanntlich fast alles!

(lacht) Ja, aber das bringt es mit sich. Ich fahre ein sehr gastfreundliches Schiff, ich habe nicht nur Segelgäste an Bord, sondern wir laden auch immer Einheimische auf die “Galateia” ein. Das führt natürlich dazu, dass man gegeneingeladen wird und da ist manchmal einfach nicht so sicher, was man gerade serviert bekommt. Ich hab schon alle möglichen Fische, Krokodil und Känguruh gegessen... bisher hab ich noch nie was abgelehnt.

An welches Essen wirst Du noch lange denken?

Wir waren mal mit der Crew in Französisch Polynesien zu einem Erdofenfest eingeladen. Die Einheimischen haben zwei große Erdöfen von vier mal sechs Meter ausgehoben und Unmengen von Essen drin gegart. Es gab zum Beispiel Seepocken mit Knoblauch. Seepocken! Normalerweise hab ich immer Ärger damit, weil die sich am Schiff festsetzen, aber die waren sehr lecker. Bei manch anderen Gerichten weiß ich bis heute nicht, was ich da gegessen habe.

Wie schafft man es, auf ein Erdofenfest eingeladen zu werden?

Ich finde, Touristenattraktion ist eine Fahrt immer dann, wenn die Touristen die Attraktion sind. Und das geht ganz einfach: Wir gehen auf Menschen zu und lassen sie auf uns zukommen. Als Segler sind wir ja zwischen den Welten - keine Normaltouristen und keine Einheimischen. Da kommt man schnell in Kontakt. Wenn ich wie hier in der Türkei bin, dann legen wir zum Beispiel immer in den Fischerhäfen an. Die freuen sich, wenn mal eine Yacht kommt.

Ihr seid dort, wo die Einheimischen auch sind...

Ja, und wenn die Kollegen beim Anlegen helfen, kommt man eben ins Gespräch: Zeig doch mal, wie Du den Palstek gemacht hast und so. Wenn wir sie dann noch aufs Schiff einladen, geht es von alleine - man muss einfach sagen: Willkommen an Bord. Ich führe ein gastliches Schiff. Und dann kommt auch etwas zurück, das kann eine Tasse Tee sein oder eine Handvoll Kaktusfeigen oder eben auch mal auf eine Einladung auf ein Fest.

In Kuba hast Du für deine Crew ein Menü in einem Parador, also in der Küche einer kubanischen Familie bestellt und dann habt ihr noch Raciel kennengelernt, der euch mit zum Tanzen genommen hat...

Ja, an Raciel erinnere ich mich noch ganz genau. Wir haben in einer Kneipe Huhn gegessen und er sprach uns an. Erst dachte ich, was er wohl will, aber dann haben wir festgestellt, dass er ein ganz netter ist und er hat uns dann in die Dorfdisco eingeladen. Man darf einfach keine Berührungsängste haben wie viele ältere Segler. Aber ich bin ja auch 1.84 und könnte zur Not schnell weglaufen.

Du hast immer Gäste an Bord - alle zwei Wochen neue. Ist das nicht anstrengend, mit so vielen Menschen auf so engem Raum?

Ich behaupte, dass wir in den zwei Wochen oder maximal drei Monaten, die die Gäste an Bord sind, ein engeres Verhältnis haben als viele Menschen, die mit ihren Arbeitskollegen Jahre verbringen. Das liegt daran, dass es eng ist und wir einfache schöne Situationen miteinander haben, Nachtfahrt, kleine Brise, da geht jeder aus sich raus. Die Kontakte sind intensiv und ich bin immer ein bisschen traurig, wenn meine Gäste gehen, aber ich freu mich dann auch auf die nächsten. Das ist wie Freundschaft auf Zeit.Und wenn sie wieder kommen, es gibt ja viele Stammgäste, dann kann man sofort dort anknüpfen, wo man aufgehört hat.

Wie - Stammgäste?

Ja, die Leute fühlen sich hier zu Hause, sie kommen, beziehen ihre alte Kabine, benutzen ihre Lieblingstase wieder und bringen etwas mit, was sie letztes Mal vermisst haben, Eierbecher zum Beispiel. Es ist ihr Schiff, ihr Skipper - sie kommen hierher zurück und kommen nach Hause.

Wo bist Du zu Hause? Hast Du eine Wohnung?

Nein. Also: Ja. Sie schwimmt unter mir auf Liegeplatz F36.

Du bist mit Gästen über den Atlantik und auch lange Strecken im Pazifik gefahren. Gibts da dann nur Dosenessen?

Nein, natürlich nicht, mit guter Verpflegung fällt und steigt die Laune auf dem Schiff. Wir gehen vor jeder Fahrt gemeinsam einkaufen - das ist ja auch oft schon ein Abenteuer. Wenn man sich auf Fidji eindecken muss, dann gibt es eben Cassava, Yams und lauter exotische Dinge für die Fahrt. Nichts ist schlimmer als ne Crew, die hungrig ist, oder nicht zusammen ißt oder nicht zusammen einkaufen geht. Das gibt es hier nicht.

Und was gibt es dann so während der Überfahrt?

Man kann vieles gut lagern, Kartoffeln, Zitrusfrüchte, Kürbis, Äpfel und Melonen. Und so ein paar Dinge werden auf Langstrecke erst richtig gut! Spanischer Schinken zum Beispiel, den hänge ich bei der Abfahrt so in die Sonne, dass das Fett abtropfen kann, wenn wir dann über den Atlantik sind, ist der wie Parkett, trocken, aber herrlich.

Ist euch schon mal alles verfault?

Wir hatten in sechs Jahren zwei mal ein faules Ei, aber wir haben noch nie soviel verloren, dass wir Probleme hatten. Es sind immer genug Grundnahrungsmittel da, Kartoffeln, Nudeln, Reis, selbst wenn durch Wassereinbruch oder so alles andere schlecht würde.

Wer mal die Filme mit Ellen McArthur gesehen hat, weiss, das so ein Boot ganz schön eng sein kann. Fehlt dir Luxus?

Ganz am Anfang dachte ich, eigentlich bräuchte ich ein größeres Schiff, aber Luxus ist nicht Raum, sondern Zeit und Zeit habe ich hier eine ganze Menge. Ich bin einmal um die Welt auf den 12 Metern hier, das ist Luxus! Und rundum ist der größte Swimmingpool der Welt, wir haben fast immer gutes Wetter gehabt, weil man sich ja nach den Klimazonen einrichtet. Wer kann das schon, man wird nicht reich, ist aber finanziell sorgenfrei, das ist ein Luxus, da kann man das Pump-Klo schon mal in Kauf nehmen. Nein, mich über irgendwas zu beklagen, das wäre ungerecht und bescheuert.

Ich kann gar nicht segeln...

Das macht nichts, Segelerfahrung ist nicht notwendig. Man sollte sich auf neue Leute und Kulturen einlassen können, das ist viel wichtiger.

Und wenn ich Profi-Segler bin - langweile ich mich dann?

Im Gegenteil, bei guten Törns stehe ich gar nicht selber am Ruder und mache ganz, ganz wenig. Ich hatte gerade Leute an Bord, die viel Charter gefahren sind, und die haben wir als Ko-Skipper eingetragen und sie hatten richtig Spass. Außerdem lernt man immer etwas, wir haben zum Beispiel immer einen Sextanten an Bord, falls sich jemand für Astronavigation interessiert.

In deinem Logbuch tauchen sogar hin und wieder Kinder auf...

Ja, ich schimpfe immer mit Freunden, die sagen: „Wir kommen, wenn die Kinder groß sind.“ Sie sollen kommen, wenn die Kinder klein sind! Es ist überhaupt kein Problem, mein jüngster Gast hier war 15 Monate. Wenn die Kinder schon krabbeln, fallen sie maximal drei Stufen weit, rausfallen können sie nicht, wir haben ja Relingsnetze. Man muss sie halt beschäftigen, Programm machen.

Und ältere Leute?

Nach oben ist die einzige Grenze die Gesundheit, ältere Leute müssen wissen, was sie sich noch zutrauen, wie weit sie sich von einem Arzt entfernen wollen.

Segeln gilt als das letzte Abenteuer - für dich auch?

Unter Abenteuer fallen für mich Begegnungen mit Menschen. Wir hatten wunderbare Abenteuer mit Fischern beispielsweise. Die Diskussion um Piraterie ist ein rotes Tuch für mich, da wird viel Panik verbreitet. Einen Freund wird niemand je angreifen und daher ist ein gastliches Schiff auch ein sicheres Schiff.

Sicher? Hast Du manchmal Angst?

Ja, oft, wenn der Wetterbericht sich geirrt hat, wenn etwas anders ist als auf der Karte angegeben, dann mache ich mir schon Sorgen. Einmal ist in Ägypten eine Boje gerissen, an der wir festgemacht hatten und wir saßen plötzlich auf einem Riff (LOGBUCH?). Da hatte ich Angst, dass wir das Boot verlieren. Es war nie Gefahr für Leib und Leben, aber ich hatte Angst um “Galateia”. Ab und an passiert so etwas.

Was wäre denn, wenn an Bord mal jemand so richtig krank wird oder sich verletzt?

Ich hab eine Ausbildung als Ersthelfer und wir haben bei Jojo einen Arzt, Gottfried, der spezielle Seminare zu Medizin an Bord gibt und mit mir die Bordapotheke zusammengestellt hat. Ausserdem ist die Versorgung besser als man denkt, selbst auf einsamen Inseln wie Vanuatu ist man schnell in ärztlicher Obhut und schnell im Flugzeug zur nächsten Klinik.

Musstest Du in den letzten sechs Jahren schon einmal Arzt spielen?

Ja, ich musste mal eine ausgerenkte Schulter einkugeln, da ist aber alles gut gegangen.

Und wenn an “Galateia” was kaputt geht, wie kommst Du auf, sagen wir: Vanuatu, an deine Ersatzteile?

Viele Dinge gibt es vor Ort, unser Motor ist zum Beispiel ein Golfmotor, da bekommt man Ersatzteile auf der ganzen Welt. Und wenn es mal was nicht gibt, fungieren die Gäste als Postboten und bringen es im Flieger mit. Und für Mast und Rumpf wird zur Not auch schon mal was angefertigt, ich bin ja alle 14 Tage in der Nähe eines Flughafens, also in der Zivilisation.

Du sagst, ihr hättet Zeit, aber deine Gäste müssen ja zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zum Flieger, ist das nicht ein Widerspruch?

Manchmal schon, weil man gerne irgendwo bleiben würde. In den Funkrunden der Fahrtensegler sind wir bekannt als „”Galateia” auf der Flucht“, weil wir mit den Gästen ja immer unterwegs sind. Aber es hat den Vorteil, dass ich zum Beispiel einer von zweien bin, die Fidji letztes Jahr ganz umrundet haben und nicht nur in einer Bucht lagen. Man kommt an Stellen, wo nicht einmal die Kollegen je waren.

Es gibt Gerüchte, Du seiest auch schon das eine oder andere Mal verhaftet worden...?

(lacht): Naja, Segler sind ja so ein bisschen Sondertouristen. Wir waren einmal in Cap Canaveral als gerade ein Raketenabschuss stattfinden sollte. Und da haben wir uns gedacht, das ist doch eine Insel, da segeln wir einfach hin. Und wir haben dann an einer Brücke geankert und sind per Anhalter zur Raketenbasis gefahren. Aber dann ist der Start verschoben worden und wir mussten ein Stück über das Gelände laufen, um wieder zum Beiboot zu kommen. Plötzlich stand da der Wachdienst vor uns und wir guckten in die großen Kaliber ihrer Waffen: „You better stand there and don’t move!“

Wie kamt ihr wieder frei?

Sie haben an der Brücke angerufen und der Wärter hat bestätigt, Ja, das sind die verrückten Deutschen, die hier unten ankern. Eine Polizeieskorte hat uns dann zurückgebracht.

Au weia.

Ja, aber das war ja nicht richtig verhaftet. Der Hund ist mal verhaftet worden, in Malta, weil Hunde nicht auf die Insel dürfen, das ist altes englisches Gesetz. Die Polizei hat ihn dann zum Flughafen gefahren und er ist jetzt bei meinen Eltern. Er war jahrelang mit mir auf dem Schiff, aber jetzt ist er alt.

Hast Du manchmal Heimweh?

Ich kann gar kein Heimweh haben, weil ich ja auf “Galateia” zu Hause bin. Und meine Familie ist oft hier, wir haben oft Weihnachten auf dem Schiff gefeiert. Freunde kommen auch und die Zeit ist viel intensiver als wenn man sich in Deutschland sieht.

Wie kommt das Logbuch vom Schiff auf die Website?

Ich schreibe etwa alle drei bis vier Tage daran, das dauert höchstens eine Stunde und dann schick ich es über das Satellitentelefon.

Du schreibst im Logbuch mal, dass dein Neffe in zwei Wochen auf dem Schiff mehr lernen würde als in der Schule...?

Ja, das stimmt, es ist eine Lebensschule, nicht nur für die Gäste, auch für mich. Man lernt hier täglich etwas. Ich habe zum Beispiel kochen gelernt: Früher habe ich heißes Wasser in Tütensuppen gekippt, jetzt kann ich Sushi und Eintopf und Fisch in Kokosmilch einlegen. Besonders Kinder lernen hier viel, Knoten machen, angeln, Beiboot fahren - für Kinder gibt es einen Beibootführerschein, wenn sie etwas größer sind.

Ist es schwierig, nach sechs Jahren auf See auch einmal nach Hause zukommen?

Nein, schwierig überhaupt nicht, ich empfinde das als langen, angenehmen Urlaub. Aber das reisen vermisst man.

Vermisst “Galateia” dich auch?

(kichert): Ja, das schon, sie mag es nicht, wenn sie rumsteht. Schiffe altern sehr schnell, wenn man sie nicht bewegt, sie fühlt sich wohler, wenn sie unterwegs ist, ein bisschen auf See und schon geht alles leichter, die Winschen drehen sich wieder besser, alles läuft wieder.

Du mußt jetzt los, oder?

Ja, wir sind noch eingeladen zum Wasserpfeife rauchen - wir sind wieder Touristenattraktion heute Abend.

Das Interview führte Nicola D. Schmidt.